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Altersvorsorge für Frauen

Interview mit Helma Sick und Renate Fritz von „frau & geld“: „Oft fehlt die nötige Flexibilität“

 

Helma Sick und Renate Fritz betreiben als Inhaberinnen und Geschäftsführerinnen die unabhängige Finanzberatung „frau & geld“.

Sie sind Autorinnen mehrerer Bücher zu Finanzthemen, die sich insbesondere an Frauen wenden.

Darüber hinaus bringt Helma Sick als Kolumnistin in den Zeitschriften BRIGITTE und BRIGITTE WOMAN Frauen die Bedeutung finanzieller Lebensplanung nahe.

 

MBVO-Redaktion: Was würden Sie einer jungen Frau von 25 Jahren, die studiert hat, gerade angefangen hat zu arbeiten und demnächst heiraten will, empfehlen, was ihre finanziellen Planungen angeht?

Renate Fritz: Wer so jung ist, Akademiker ist und arbeitet, kann in der Regel bereits ein bisschen Geld auf die Seite legen. Ich würde auf alle Fälle eine Riester-Rente empfehlen, weil sie sich über die lange Ansparphase wirklich rechnet, allein schon durch die Zulagen. Die Riester-Rente hat zwar nicht den besten Ruf, aber in diesem Fall gibt es keinen Grund, sie nicht zu machen.

Helma Sick: Es ärgert uns, wenn die Riester-Rente total verrissen wird. Sie hat Nachteile und ist nicht für jeden Sparer geeignet. Aber man muss eben sehen, ob das bei der betreffenden Person, die wir beraten, der Fall ist oder nicht. Eine junge Frau, die wahrscheinlich irgendwann Kinder bekommen wird, wird für jedes Kind Zulagen erhalten und für sich selbst natürlich ebenfalls.

Fritz: Die Zulage für Kinder bekommt man, solange man berechtigt ist, Kindergeld zu beziehen – also bis zu 25 Jahren. Das schlägt sich finanziell natürlich sehr positiv nieder. Pro Kind sind das immerhin 7.500 Euro, die der Staat in den Riester-Vertrag zahlt.

 

MBVO-Redaktion: Zu welcher Variante der Riester-Rente würden Sie raten?

Fritz: Ich würde einen Fondssparplan vorschlagen, der laufend an die Marktveränderungen angepasst wird.

 

MBVO-Redaktion: Wie geht ein junger Mensch, der vielleicht ein bisschen Geld auf dem Sparkonto liegen hat, das Thema Vorsorge systematisch am besten an?

Fritz: Ideal ist, sich ein paar Monatsgehälter als Reserve zurückzubehalten. Ob mehr oder weniger hängt davon ab, ob kurzfristig Anschaffungen anstehen und wie die betreffende Person tickt. Dann kann man den klassischen Vermögensaufbau beginnen, am besten mit relativ schwankungsarmen Fonds, da gibt es sehr viele Möglichkeiten. Dabei muss man nicht, wie beim Thema Altersvorsorge, einen sehr langen Anlagehorizont im Blick haben. Sinnvoll ist ein Fonds mit aktivem und flexiblem Aktienanteil, der in guten Zeiten nach oben angepasst wird, aber wenn nötig auch auf null reduziert werden kann. Dieses Konzept hat sich gut bewährt.

Sick: Wir sehen immer wieder, dass Leute in dem Bemühen, für das Alter vorzusorgen, eine ganze Reihe fester Verträge abschließen. Dabei fehlt oft die nötige Flexibilität. Denn im Lebensalter von 25 bis 40 Jahren passiert in der Regel ziemlich viel – Heirat, Gründung einer Familie, Anschaffung einer Immobilie. Deshalb braucht man eine flexible Geldanlage. Dafür sind Fonds ideal, weil die Spannbreite der Anlagemöglichkeiten enorm groß ist.

 

MBVO-Redaktion: Wann ist denn die beste Zeit, ernsthaft mit der Altersvorsorge zu beginnen?

Fritz: Im Prinzip gilt: Je früher, desto besser. Man sollte sich jedoch nicht, wie schon gesagt, gleich zu Beginn einen Packen fester Verpflichtungen aufladen. Aber man kann mit kleinen Beträgen anfangen und diese dann im Laufe der Zeit aufstocken. Es gibt sehr flexible Modelle, gerade bei Rentenversicherungen, bei denen man die monatlichen Beiträge anheben kann, wenn das Einkommen steigt. Das hat den Vorteil, dass man einen bestehenden Vertrag für die zusätzliche Ersparnis nutzen kann und nicht gezwungen ist, einen neuen abzuschließen.

Sick: Meine Erfahrung ist, dass gerade Frauen sich besser fühlen, wenn sie ein flexibles Finanzprodukt haben und nicht durch ein starres zu sehr gebunden sind. Sinnvoll ist es, Bausteine in der Vermögensanlage zu wählen, die entsprechend den Sparmöglichkeiten mitwachsen. Bei der Riester-Rente ist das der Fall, weil sie sich am Bruttoeinkommen orientiert. Mit Fonds ist das ebenfalls möglich. Außerdem gibt es seit einiger Zeit Versicherungen, bei denen man den Beitrag erhöhen und Zuzahlungen leisten kann.

 

MBVO-Redaktion: Untersuchungen zeigen immer wieder, dass nahezu jeder junge Deutsche einsieht, dass er fürs Alter vorsorgen müsste, aber nur eine Minderheit tut es tatsächlich. Was kann man selber tun, um der Einsicht entsprechende Taten folgen zu lassen?

Fritz: Ich sage nur ein Wort: Dauerauftrag! Das Geld muss am Anfang des Monats auf den Sparvertrag überwiesen werden.

Sick: Das ist das Problem. Wartet man, bis Geld zum Sparen übrig bleibt, ist nie was übrig. Es ist immer weg, weil man viele Wünsche hat, die man sich gerne erfüllt. Aber: Wenn das Geld erst mal abgebucht ist, muss ich halt mit dem verbliebenen Betrag auskommen. Das funktioniert in den allermeisten Fällen.

 

MBVO-Redaktion: Wie ist Ihre Erfahrung mit der Förderung der Vermögensbildung? Wird das von Arbeitnehmern ausreichend genutzt?

Fritz: Das wird schon genutzt. Eine gewisse Skepsis gibt es mitunter bei der betrieblichen Altersvorsorge – wahrscheinlich, weil sie in den Medien häufig nicht besonders gut wegkommt. Arbeitet man in einem großen Betrieb, in dem ein Kollektivvertrag besteht, sollte man das Angebot durchaus nutzen. Bei kleineren Firmen besteht das Problem, dass die diese Möglichkeit oft nicht von sich aus anbieten. Man kann das als Arbeitnehmer jedoch von ihnen einfordern.

Sick: Ein Problem sehen wir bei Vermögenswirksamen Leistungen. Derzeit boomen Bausparverträge über Vermögenswirksame Leistungen, während Aktienfondsverträge vernachlässigt werden. Diese Skepsis gegenüber Aktien, insbesondere bei jungen Menschen, denen genügend Zeit bleibt, zwischenzeitliche Kursverluste auszusitzen, ist manchmal schwer nachzuvollziehen.

Fritz: Die Sicherheit, die alle immer gern hätten, kann sich eigentlich heute in einer Zeit extrem niedriger Zinsen keiner mehr leisten. Unter Berücksichtigung von Inflation und Kapitalertragssteuer landet man real schnell bei einer negativen Rendite.

 

MBVO-Redaktion: Kommt man in der gegenwärtigen Niedrigzinsphase als langfristig orientierter Anleger an Aktien überhaupt noch vorbei?

Sick: Wenn man jung ist und noch viel Zeit für den Vermögensaufbau hat, auf keinen Fall.

Fritz: Auch wenn man älter ist nicht. Ein kleiner Aktienanteil, der flexibel gehandhabt wird, bietet bereits gute Renditechancen bei begrenztem Risiko, beispielsweise in einem vermögensverwaltenden Mischfonds. Das ist bequem, weil man sich um die Aktienquote nicht selber kümmern muss. Außerdem: Eine mittelfristige Anlage, etwa über fünf Jahre, kann man auch mit 60 Jahren noch gut machen. Aktien sollte jeder in irgendeiner Form im Depot haben.

Sick: Wir versuchen den Leuten immer klarzumachen, dass sie einiges mehr als die Inflationsrate aus ihren Investments herausholen müssen, damit sie überhaupt ihr Kapital erhalten.

Fritz: Manchen fällt es schwer zu begreifen, dass sich Aktien trotz Kursschwankungen auf längere Sicht lohnen. Natürlich macht es keinen Sinn, in Aktien zu investieren, wenn man das Geld schon morgen wieder braucht.

Sick: Ein Problem in Deutschland ist, dass viele Menschen noch immer glauben: Ich lege Geld an und dafür bekomme ich Zinsen – und die müssen immer gleich hoch sein und dürfen nicht schwanken. Es ist schwer, diese Mentalität zu verändern, aber wir arbeiten daran.

 

MBVO-Redaktion: Momentan ist der deutsche Aktienindex DAX nicht mehr weit von der 10.000-Punkte-Marke entfernt. Würden Sie bei dem Niveau empfehlen, noch am Aktienmarkt einzusteigen?

Fritz: Wenn jemand sein Geld mittelfristig anlegen will, würde ich einen Mischfonds empfehlen, der sich gar nicht so sehr an Aktienindizes orientiert. Einem langfristig orientierten Anleger kann man aber auch guten Gewissens einen reinen, international ausgerichteten Aktienfonds empfehlen – einen, den es schon länger gibt und der sich bewährt hat.

 

MBVO-Redaktion: Würden Sie dann eher einen aktiv gemanagten Fonds empfehlen oder ein passives Investment?

Fritz: Das kommt darauf an, wie intensiv sich jemand um das Investment kümmern möchte. Bei einem ETF (Exchange traded funds) muss man sehr aufmerksam bleiben, weil man an das Börsensentiment gebunden ist. Das kann sehr schnell umschlagen und es kann innerhalb kurzer Zeit steil bergab gehen. Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man einen ETF kauft. Für Anleger, die sich selbst möglichst wenig um ihr Depot kümmern wollen, ist das nicht das Richtige.

Sick: Natürlich ist ein ETF billiger als ein aktiv gemanagter Fonds. Ich finde es aber falsch, Geldanlage nur an den Kosten festzumachen. Entscheidend sind die Anlagebedürfnisse der Kunden, und für die meisten ist ein aktiv gemanagter Fonds die bessere Lösung.

 

MBVO-Redaktion: Viele Anleger sind derzeit von der Diskussion um die Folgen der Geldpolitik und der öffentlichen Verschuldung verunsichert. Die einen fürchten sich vor Inflation, andere vor Deflation. Was sagen Sie Ihren Kunden?

Sick: Da niemand die Zukunft kennt, gibt es nur eine Möglichkeit, sich darauf einzustellen, nämlich sein Vermögen möglichst breit zu streuen. Auch in Immobilien – aber bitte nicht in München. Hier herrscht teilweise eine Hysterie mit Preisen von 8.000, 9.000 Euro pro Quadratmeter für mittelmäßige Objekte, nur aus Angst vor Inflation. Ich halte das für vollkommen übertrieben.

Fritz: Wichtig ist außerdem, flexibel zu bleiben, um im Notfall rasch reagieren zu können. Es gibt meines Erachtens keinen Grund, in Panik zu verfallen.

 

MBVO-Redaktion: Sie beraten ja auch Männer. Gibt es in Sachen Geldanlage und Altersvorsorge Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Fritz: Mein Eindruck ist, dass Männer tendenziell weniger ängstlich und etwas risikofreudiger sind als Frauen. Interessanterweise schließt das eine das andere nicht unbedingt aus. Manche sind sehr ängstlich und trotzdem risikofreudig. Männer kommen auch öfter bereits mit ganz gezielten Vorstellungen, zum Beispiel Anlagen in einer bestimmten Branche, wie Automobil oder Biotech. Das kommt bei Frauen eher selten vor.

Sick: Ältere Männer glauben oft zu wissen, was gut und richtig ist, und wollen letzten Endes nur eine Bestätigung dafür. Das ist bei Frauen nur selten der Fall, die suchen meistens wirklich Hilfe.

 

MBVO-Redaktion: Seit Jahren wird in Deutschland geklagt, dass es den meisten Menschen an Bildung im Bereich Finanzen fehlt. Stellen Sie fest, dass sich da etwas zum Besseren gewendet hat?

Sick: Das hat sich in den vergangenen 20 Jahren schon gebessert. Es ist auch das Bewusstsein da, dass man in dieser Hinsicht etwas tun muss. Trotzdem liegt noch vieles im Argen. Die Leute sagen uns, dass der Wirtschaftsteil der Zeitung viel zu viel voraussetzt und daher für sie unverständlich ist. Wir versuchen, mit unseren Workshops und Büchern Abhilfe zu schaffen.

 

MBVO-Redaktion: Müsste der Staat mehr tun, zum Beispiel in den Schulen?

Sick: Ja, den Schülern müsste bewusst gemacht werden, dass es heute dazugehört, sich um Geld zu kümmern, es nicht nur auszugeben. Viele junge Menschen verschulden sich in einem unglaublichen Maße und haben keine Ahnung, wie sie aus der verzwickten Situation wieder herauskommen. Früher hat man das Geld für eine Anschaffung, etwa eine Wohnungseinrichtung, angespart und dann ausgegeben. Heute verschulden die jungen Leute sich, um sich ihre Wünsche gleich zu erfüllen, was ihnen leicht gemacht wird. Erst wird gekauft, dann gespart. Die Schulen müssten besser aufklären, was Schulden eigentlich bedeuten und wie schwer es unter Umständen ist, sie zurückzuzahlen.

 

MBVO-Redaktion: Ist das Risiko, in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten, für Frauen heute noch immer größer als für Männer?

Sick: Ich habe mir jüngst Zahlen zum Thema „Armut nach Scheidung“ angesehen. Die sind erschreckend. Viele Frauen, die eine Scheidung hinter sich haben, geraten in Armut. Dann die hohe Zahl der Alleinerziehenden – die Risiken haben gegenüber früher sogar zugenommen. Darauf müsste man Frauen oder Mädchen frühzeitig aufmerksam machen. Ich wünsche jeder Frau eine glückliche Partnerschaft. Aber man muss die Frage im Hinterkopf behalten: Was passiert, wenn es nicht klappt? Dann sollte man vorbereitet sein. Das ist überwiegend leider immer noch nicht der Fall.

 

MBVO-Redaktion: Viele Anleger geraten in Armut, weil sie auf dubiose Anbieter reinfallen, wie das Beispiel Prokon wieder einmal gezeigt hat. Haben Sie oft mit Leuten zu tun, die am Grauen Kapitalmarkt abgezockt werden? Muss der Staat hier stärker eingreifen?

Fritz: Viele unserer älteren Kunden sind schon einmal auf zweifelhafte Angebote hereingefallen. Was gesetzliche Regelungen betrifft, bin ich skeptisch. Kein Gesetz schützt die Anleger vor sich selbst. Jeder einzelne hat die Pflicht, sich zu informieren, genau hinzuschauen und nicht nur auf die angeblich zu erzielende Rendite zu blicken.

Sick: Wenn jemand acht Prozent Rendite verspricht, der Marktzins aber nur bei zwei Prozent liegt, muss man sich doch fragen, wie das möglich sein soll. Dass das Risiko einer solchen Geldanlage entsprechend hoch sein muss, wollen viele einfach nicht zur Kenntnis nehmen oder verdrängen es. Das geht nicht. Verbraucher sind nicht immer nur die armen Opfer, als die sie oft dargestellt werden, sie sind manchmal einfach gierig und blenden die Risiken bewusst oder unbewusst aus.

 

MBVO-Redaktion: Frau Sick, Frau Fritz, vielen Dank für das Gespräch.

 

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