FOCUS MONEY: Ruhestandsplanung – Wie viel Freiheit kann ich mir kaufen?

23. Dezember 2015

 

Erst mit 67 in Rente? Nein danke. Früher mit dem Arbeiten aufzuhören hat allerdings seinen Preis. Wir sagen Ihnen welchen – und wie Sie ihn bezahlen.

Ein richtiger Sympathieträger war Günther Oettinger nie wirklich. Mit seinen jüngsten Äußerungen macht sich Baden-Württembergs Ex-Ministerpräsident, aktuell EU-Kommissar für Energie, nicht beliebter. „Wir müssen in den nächsten Jahren über die Rente mit 70 sprechen“, ließ Oettinger gegenüber der Zeitung „Die Welt“ vor einigen Wochen verlauten. Die Menschen müssten mit beruflicher Weiterbildung fit gemacht werden für eine längere Lebensarbeitszeit, so der Politiker. Wie bitte, noch länger? 2012 hat doch gerade erst die schrittweise Einführung der Rente mit 67 begonnen. Das sind doch schon 24 Monate mehr als in den zwei Jahrzehnten zuvor. Die Bürger hätten die Wahl, sekundiert Ökonom Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW): Wegen der Alterung der Gesellschaft müsse die jüngere Generation entweder später als mit 67 in Rente gehen, höhere Beiträge zahlen oder eine geringere Rente erhalten. Tolle Optionen, vielen Dank auch. FOCUS-MONEY zeigt Ihnen auf den folgenden Seiten, wie Sie das Gegenteil erreichen – früher raus aus dem Beruf, was es kostet und wie Sie es finanzieren.

Geht das Projekt „Rente mit 63“ der Bundesregierung in die richtige Richtung? Seit Juli gilt, dass sich Versicherte nach 45 Jahren Beitragszahlung in die gesetzliche Rentenkasse mit 63 ohne Kürzungen der Rentenzahlung in den Dauerfeierabend verabschieden können.

81 Prozent der Deutschen finden den Vorstoß der großen Koalition in Berlin gut, ermittelte die Forschungsgruppe Wahlen. 50 000 Anträge auf die frühe Rente verzeichnen die Versicherungsträger bereits. Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) wirbt mit dem Slogan: „Nicht geschenkt. Sondern verdient.“ Wer kann da widersprechen? Nach 45 Jahren Maloche geht der Ruhestand vor den offiziellen 67 Jahren wahrlich in Ordnung. Raus aus der Fabrikhalle und rein ins Leben. Schöne Reisen machen, dem all die Jahre vernachlässigten Hobby nachgehen, endlich mehr Zeit mit den Enkeln verbringen, die Seele baumeln lassen. Herrliche Vorstellungen.

Raus aus dem Alltag

Rente mit 63? Nicht für Akademiker. Von Marketing-Sprüchen sollte man sich allerdings nicht allzu sehr einnehmen lassen. Wer jetzt voller Vorfreude seine Beitragsjahre zählt und die noch zurückzulegende Strecke bis zum 63. Geburtstag berechnet, der sollte erst noch mal einen Blick auf die Details der Reform werfen. Im Zweifel lauert da nämlich eine herbe Enttäuschung. Akademiker können sich den Frühstart ins Rentnerdasein ohnehin abschminken. Nach zwölf oder 13 Jahren Schule und einer Hochschul-im Anschluss sind die 45 Beitragsjahre bis zum 63. Geburtstag nur durch Aufhebung des Raum-Zeit-Kontinuums zusammenzubringen. Aber auch mit Hauptschuloder Realschulabschluss und einer Lehre obendrauf kann sich die Rente mit 63 als Luftnummer erweisen. Tatsächlich ohne Abschläge mit 63 in den Ruhestand gehen können nach 45 Beitragsjahren nämlich nur wenige Geburtsjahrgänge – die von 1949 bis 1952. Ab dem Jahrgang 1953 steigt das Alter für die Rente ohne Abstriche von Jahrgang zu Jahrgang um zwei Monate an. Wer 1964 oder später geboren wurde, der kann erst mit 65 den Feierabend bei voller Zahlung einläuten. Er kann zwar auch mit Vollendung des 63. Lebensjahrs in Rente gehen, bekommt das Altersruhegeld dann aber nur gekürzt ausbezahlt. In diesem Fall um 7,2 Prozent für zwei Jahre früheren Arbeitsschluss (s. Tabelle und Erläuterung unten).

Übrigens: Die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren gab es für die Jahrgänge 1964 und danach auch vor der aktuellen Reform schon. Neu ist nur, dass jetzt auch Zeiten der Arbeitslosigkeit (Arbeitslosengeld I und andere Entgeltersatzleistungen wie Kurzarbeitergeld) berücksichtigt werden. „Die Popularität der Rente mit 63 beruht nur darauf, dass die Leute sie nicht begreifen“,
stellt Franz Ruland, lange Jahre Geschäftsführer des Verbands Deutscher Rentenversicherungsträger, ernüchtert fest. Aus Verärgerung über die „verantwortungslose Klientelpolitik“ – schließlich profitiert am Ende nur eine kleine Gruppe von Facharbeitern – gab Ruland sogar sein SPD-Parteibuch zurück. Nach mehr als 45 Jahren Beitragsjahren bei den Sozialdemokraten. Das entscheidende Kleingedruckte dürfte in der Tat den meisten Bundesbürgern beim vordergründigen Applaudieren für die Rentenreform durchgegangen sein. Vielen Bundestagsabgeordneten im Übrigen auch. Bei einer spontanen Umfrage des ARD-Magazins „Panorama“ im Berliner Reichstag zeigte sich rund die Hälfte der Parlamentarier ahnungslos über die tatsächliche Ausgestaltung der Rente mit 63. Die Politiker bestätigten kopfnickend dem Reporter, der sich als Jahrgang 1964 zu erkennen gab, dass er mit Vollendung des 63. Lebensjahrs abschlagsfrei in den Ruhestand gehen könne.

Verwirrung und Unwissenheit hin oder her, ein Fakt bleibt: Millionen Menschen hegen den tiefen Wunsch, das Arbeitsleben nicht bis zum letzten Tag auszureizen (s. Grafik unten). Zum Nulltarif geht der in den allermeisten Fällen jedoch nicht in Erfüllung. Wer früher Feier abend machen möchte, als es der Gesetzgeber vorsieht, der muss beizeiten etwas zur Seite legen. Denn die gesetzliche Rente deckt allenfalls einen Teil des Geldbedarfs im Alter – auch bei den privilegierten Jahrgängen, die in den Genuss einer abschlagsfreien Frührente kommen.

Was konkret aus der gesetzlichen Alterssicherung am Ende ausbezahlt wird, ist höchst individuell und vom Einkommensverlauf über die Lebensarbeitszeit abhängig. Einen Anhaltspunkt über die Höhe der Vorsorgung liefert aber das Nettorentenniveau. Es gibt das Verhältnis einer Standardrente abzüglich der Sozialabgaben darauf vor Steuern zum Durchschnittsverdienst desselben Jahres ebenfalls nach Abzug der Sozialabgaben und vor Steuern wieder. Die Standardrente ist dabei für einen Arbeitnehmer berechnet, der 45 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt und immer durchschnittlich verdient hat. 2013 lag das Nettorentenniveau bei 48,7 Prozent.

Ein nicht wirklich überzeugender Wert. Üppigere Renten von mehr als 2000 Euro im Monat sind denn auch eher eine Seltenheit (s. Grafik). Geht man davon aus, dass im Alter rund 70 Prozent des letzten Nettoeinkommens aus dem Arbeitsleben benötigt werden, gilt es da noch eine Schippe draufzulegen.

Erst recht, wenn der Ausstieg aus dem Job vor Erreichen des regulären Rentenalters erfolgen soll. Denn das bestraft der Gesetzgeber, wie bereits erwähnt, mit Abschlägen auf die Rentenzahlung. Da die Kürzung bis zum Lebensende bestehen bleibt, wird die Rentenlücke noch mal größer. Nicht zuletzt auch durch die Inflation, die beständig am Geldwert knabbert.

Das Rentenniveau sinkt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für viele Lebensmodelle. Doch keine Angst: Wer rechtzeitig und geschickt investiert, hat alle Chancen, den früheren Ausstieg zu verwirklichen. FOCUS-MONEY hat berechnet, wie groß die Lücken für jedes Jahr eines früheren Rentenbeginns ausfallen für 40-, 45- und 50-jährige Paare. Dabei wurde einmal davon ausgegangen, dass die Partner zur Miete wohnen , und einmal, dass sie über eine Immobilie verfügen, in der sie im Alter mietfrei wohnen können. Um das nötige zusätzliche Kapital über die gesetzliche Rente hinaus anzusparen, empfehlen sich regelmäßige Einzahlungen in staatlich geförderte Vorsorgeprodukte. Mit vertretbaren Sparraten decken die jedoch nur einen Teil des Bedarfs. Deshalb erfolgt zusätzlich eine Einmalanlage in Fonds, Zertifi kate und Aktien.
Erhebungen der Deutschen Bundesbank zeigen, dass vor allem bei der „Best Ager“-Generation durchaus größere Reserven vorhanden sind, die dafür zur Verfügung stünden. Die von FOCUS-MONEY konzipierten Depots, in die das Geld fließt, versprechen Renditen von sechs bis zehn Prozent per annum. Und wer möchte, kann ein Fünfer-Aktiendepot dazumischen, das sogar zwölf Prozent per annum bringen sollte. So können auch für das 50-jährige Musterpaar, das bis zur Rente nicht mehr allzu viel Zeit hat, oder bei niedrigeren Anlagesummen ansehnliche Erträge auflaufen.
Lieber aktiv gestalten. Ein gewisses Risiko ist da natürlich dabei. Aber Sie haben ja auch die Wahl: Etwas wagen und den Traum vom vorzeitigen Ruhestand leben – oder nichts tun und vielleicht in Oettingers Albtraum einer noch längeren Arbeitszeit landen.

 

 

 Schon mit 10 000 Euro früher aus dem Alltag raus

Wie viel Geld muss ich wie lange anlegen mit welcher jährlichen Rendite, um ein, zwei, drei oder vier Jahre früher in Rente gehen zu können? Die Tabellen unten zeigen eine Auswahl von Rechnungen, basierend auf den Kalkulationen im Beitrag „Was der frühe Ruhestand kostet“.
Das Musterpaar verdient dabei aktuell 90 000 Euro brutto (er 60 000, sie 30 000 Euro). Beim Szenario ohne eigene Immobilie ist unterstellt, dass die Partner für den Ruhestand ein Nettoeinkommen von 70 Prozent des letzten Arbeitsnettoeinkommens anpeilen, im Szenario mit eigener Immobilie von 50 Prozent. Für die Hausbesitzer ist ein Jahr Freiheit schon ab einer Anlage von 10 000 Euro machbar. Das 50-jährige Paar kann sogar allein mit der gesetzlichen Rente ein Jahr früher aus dem Job aussteigen.

Wie viel Geld braucht man für die Ruhestandsplanung?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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