Italien hat gewählt: Dringender Reformbedarf

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5. März 2018

Europas drittgrößte Volkswirtschaft ist hoch verschuldet. Das Land ist zudem weit weniger produktiv als anderen Staaten der Eurozone. Anleger hoffen, dass trotz schwieriger Regierungsbildung das Land wachstumsfördernde Reformen auf den Weg gebracht werden können.

Noch vor ein paar Monaten hatten Inverstoren befürchtet, die Parlamentswahlen in Italien könnten ein Aufflammen der Eurokrise zur Folge haben. Nun haben die Bürger gewählt. Zwar drückte die Sorge vor einer Hängepartie auf die Kurse, Panik an den Märkten bereitete sich zumindest in der ersten Handelsstunde am Tag danach nicht aus.  Trotz zum Teil starker Kritik an der EU, hatte sich im Wahlkampf keine Partei für den Ausritt aus der Eurozone stark gemacht. In Brüssel löst das Ergebnis dennoch Sorge aus. 60 Prozent der Bürger haben EU-skeptischen ihre Stimme gegeben.

Weit über der Maastricht-Grenze

Vom Tisch sind die Korrekturgefahren an den Aktienmärkten daher nicht. Wie erwartet, gewann die Mitte-rechts Allianz. Stärkste Kraft in dem Bündnis wurde die populistische Lega. Doch mit nur 36 Prozent der Stimmen verfügt die Mitte-rechts Allianz im Parlament nicht über die absolute Mehrheit. Stärkste Einzelpartei wurde mit 32 Prozent die Fünf-Sterne-Bewegung. Die bislang den Ministerpräsidenten stellende Partito Democratico rutschte auf 19 Prozent ab.

Ist Italien, wie die Zeitung La Stampa titelte, nun unregierbar?

Die Erste Group Research rechnet zumindest mit langwierigen Koalitionsverhandlungen. Unabhängig davon, wie diese ausgehen: Die neue Regierung verfügt – auch wenn die Parteien im Wahlkampf üppige Geschenke versprochen haben –  über nur geringe finanzielle Spielräume. Europas drittgrößte Volkswirtschaft ist mit rund 134 Prozent des Bruttoinlandsproduktes verschuldet. Laut Maastricht-kriterien sollte jedoch die Gesamtverschuldung die Marke von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nicht überschreiten.

Steuersenkungen beziehungsweise höhere Staatsausgaben sind da nicht drin. Sollte die neue Regierung dennoch eine expansive Fiskalpolitik betreiben, würden die Kurse italienischer Staatsanleihen nach unten beziehungsweise die Renditeaufschläge nach oben gehen. Um sich künftig am Kapitalmarkt refinanzieren zu können, müsste Italien den Gläubigern höhere Zinsen bieten. Die Schuldenquote würde dann noch höher ausfallen. Dies könnte dann doch Rückschläge an den Märkten auslösen.

Besser wäre es, die neue Regierung setzte die schon unter dem früheren Ministerpräsidenten Matteo Renzi begonnenen strukturellen Reformen auf dem Arbeitsmarkt weiter fort. In puncto Produktivität und Innovation hinkt Italien anderen Ländern der Gemeinschaftswährung weit hinterher. Das Wohlstandsniveau hat sich nicht verbessert. Italiens Bürger verdienen nicht mehr wie im Jahr 1998. Und die Regierung  sollte Akzente in den Bereichen Bildung sowie Forschung und Entwicklung setzen, schreibt die Erste Research Group. Dies würde die mittelfristigen Wachstumsaussichten Italiens anheben und sich positiv auf die Schuldentragfähigkeit auswirken.

Gute Stimmung bei Unternehmern und Verbrauchern

Zarte Fortschritte sind schon jetzt zu erkennen. In diesem Jahr wird die Wirtschaft um rund 1,5 Prozent zulegen. Zwar liegt das prognostizierte Plus unter den 2,3 Prozentpunkten, die den Ländern der Eurozone im Schnitt zugetraut werden. Doch der zarte Aufschwung reicht, um die Arbeitslosigkeit in Italien zu senken. Aktuell liegt diese bei 11,2 Prozent, im Jahr 2014 waren noch 12,3 Prozent der Erwerbstätigen ohne Job. Das freut Unternehmer und Verbraucher. Das Barometer für das Geschäftsklima ist im Februar gestiegen, auch das Konsumklima verbesserte sich zuletzt.

Die verbesserte Stimmung spiegelt sich am Aktienmarkt wider. Der MSCI Italy, der Index enthält die wichtigsten Unternehmen des Landes, verbesserte sich innerhalb eines Jahres um 22 Prozent. Und mit einem Plus von vier Prozent führt der Leitindex FTSE MIB die Börsenbarometer in Europa an. Handelt die künftige Regierung vorausschauend, sollte der Kursaufschwung sollte anhalten. Bleiben wachstumsfördernde Reformen dagegen aus, drohen italienische Aktien zehn bis 15 Prozent schlechter abzuschneiden als Aktien aus anderen Euro-Ländern, warnt die Bank UBS.

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