Marktbericht: Sanfter Ausstieg

Auftakt
30. Oktober 2017

Der DAX überwindet den hartnäckigen Widerstand bei 13000 Punkten. Mario Draghi hat dazu entscheidend beigetragen, den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik gestaltet der EZB-Chef mit Weitblick und Geduld.

Die Mitglieder des EZB-Rates und auch der oberste Chef der Europäischen Zentralbank unterliegen keiner demokratischen Kontrolle, die EZB ist eine politisch unabhängige Institution. Ihr oberstes Ziel ist die Erhaltung von Preisstabilität. Gleichwohl sind die ihrer Meinung nach dazu notwendigen Maßnahmen für die Bürger der Eurozone von enormer Tragweite. EZB-Entscheidungen beeinflussen unter anderem Sparerträge, Konsumbereitschaft, Arbeitsplätze, Investitionstätigkeit, Eurokurs und Außenhandel. Ebenso hängt es von der EZB ab, ob und wie Staaten ihren Schuldenverpflichtungen nachkommen. Nicht zuletzt gibt die EZB die Richtung an den Märkten vor.

Es liegt auf der Hand: Den Währungshütern aus Frankfurt kann es nicht gelingen, es jedem Recht zu machen. Während sich deutsche Sparer, Lebensversicherer oder Pensionsfonds endlich wieder höhere Zinsen wünschen, fürchten Bürger, Banken und Unternehmen insbesondere in Südeuropa ein zu schnelles Ende der ultralockeren Geldpolitik. Höhere Zinsen könnten die Zahlungsfähigkeit ihrer Staaten gefährden.

Kommunikative Fähigkeiten gefragt

Auch wenn an der EZB, insbesondere von deutscher Seite, immer wieder Kritik geübt wird: Gemessen an dem in ihrer Satzung zwar nicht explizit aufgeführten, von ihr dennoch erwarteten Anstrengungen, die Eurozone zu erhalten, hat sie gute Arbeit geleistet. Die Bürger der Eurozone haben keinen Grund zur Klage, ihre Interessen sind bei der EBZ relativ gut aufgehoben.  Würde der EZB-Chef direkt gewählt werden, Mario Draghi hätte sicherlich Chancen.

Es ist der EZB darüber hinaus gelungen, die Märkte vor schweren Turbulenzen zu bewahren. Insbesondere beherrscht Draghi die Kunst der Kommunikation, Investoren informiert er rechtzeitig über künftige Schritte. Die Rückkehr zu einer wieder „normaleren Geldpolitik“ – darauf können sich Anleger verlassen –   gestaltet der Italiener sanft. Der von nicht wenigen Investoren befürchtete Rückschlag als Reaktion auf die vergangene Woche angekündigte Drosselung der Anleihekäufe blieb jedenfalls aus.

Ab Januar will die EZB monatlich statt bislang für 60 Milliarden Euro nur noch für 30 Milliarden Euro Anleihen erwerben. Die verringerten monatlichen Kaufvolumina will die EZB noch mindestens bis September 2018  fortsetzen. Falls erforderlich, kann das Programm auch über den anvisierten Termin fortgesetzt und, falls erforderlich, sogar wieder aufgestockt werden.

 Weg frei nach oben

Vielleicht war die jüngste EZB-Konkretisierung der entscheidende Grund für den Anstieg des DAX auf über 13000 Punkte. An der Line hatte der deutsche Leitindex lange Zeit gekämpft. Der Widerstand ist nun überwunden, der Kursanstieg an den Märkten kann zumindest in diesem Jahr noch weiter gehen.

Allerdings ist auch die Politik der EZB nicht frei von Risiken. Die Inflationsrate könnte im kommenden Jahr schneller steigen als von ihr erwartet. Sie müsste dann konsequent handeln und die Zinsen insbesondere zum Schutz der Rentner und Sparer anpassen.  Deren Interessen haben dann sicherlich Vorrang vor den Interessen der Aktienanleger.

Ist dieser Artikel hilfreich?
Vote DownVote Up +3
Loading...