Marktbericht: Tappen im Nebel

DAX-Unternehmen
12. Juni 2017

Die Europäische Zentralbank will Inflation erzeugen, doch sie weiß nicht wie. Deutsche Sparer leiden wohl noch lange unter tiefen Zinsen. Die Bürger Großbritanniens haben dagegen andere Sorgen. Ein gutes Ende der Brexit-Verhandlungen zeichnet sich immer weniger ab.

Die Europäische Zentralbank will die Wende in der Geldpolitik einleiten. Eilig hat sie es damit aber nicht. Deutsche Sparer, die Berechnungen der DZ Bank zufolge zwischen 2010 und 2016 bereits Zinsverluste in Höhe von 344 Milliarden Euro erlitten haben und zu denen im laufenden Jahr weitere 92 Milliarden Euro hinzukommen sollen, werden noch lange warten müssen, bis Tagesgelder und sichere Anleihen wieder ordentliche Renditen abwerfen. Denn der Ausstieg aus der quantitativen Lockerung wird im Zeitlupentempo und nur in homöopathischen Dosen erfolgen. Vermutlich im Herbst dürfte EZB-Chef Mario Draghi erst einmal bekanntgeben, wie und in welchem Umfang er die Käufe von Staats- und Unternehmensanleihen in Höhe von monatlich 60 Milliarden Euro zu reduzieren gedenkt. Frühestens Anfang kommenden Jahres sollten die Frankfurter Währungshüter damit beginnen, ihre Bilanzsumme von mittlerweile über vier Milliarden Euro – rund 38 Prozent der Wirtschaftsleistung der Eurozone  – zu verringern.

Zinserhöhung 2018 fraglich

Ob die EZB, die weniger Geld-, dafür aber um so mehr Euroerhaltungspolitik betriebt, dann auch, wie manche Marktteilnehmer bereits vermuten, erstmals den Leitzins am 13. September 2018 anheben wird, ist jedoch keinesfalls sicher. Insbesondere für Italien käme eine Zinsanhebung noch zu früh. Während in anderen Staaten der Gemeinschaftswährung die Wirtschaft Fahrt aufnimmt, will die Konjunktur südlich der Alpen nicht anspringen, das Bankensystem ist marode und das Land hoch verschuldet. Billiges Geld ist weiterhin notwendig. Nur dann besteht Aussicht, dass Italien in der Eurozone verbleibt. Ein Austritt hätte für die EU schwerwiegende Folgen. Dass es bislang dazu nicht gekommen, ist zweifelsfrei das Verdienst der EZB.

Dennoch: Auf dem Gebiet der Geldpolitik muss sich die EZB kritische Fragen gefallen lassen. Warum ist es ihr im siebten Jahr der Eurokrise nicht gelungen, die Inflation nachhaltig anzukurbeln? Die um Lebensmittel- und Energiepreise bereinigte Teuerungsrate steht bei gerade mal 1,2 Prozent. Und warum hält sie trotzdem an den bisher getroffen Maßnahmen fest?

Vermögenspreisinflation

Der früher Chefvolkswirt der Deutschen Bank und heutiges Gründungsmitglied des Flossbach von Storch Research Instituts, Thomas Mayer, geht mit der EZB hart ins Gericht. Seiner Meinung nach funktioniert die Phillips-Kurve nicht mehr. Diese stellt einen Zusammenhang zwischen Kapazitätsauslastung, Lohnerhöhungen und Inflation her. Erklärungen, warum die Wirkungsweisen heute nicht mehr greifen, werden bemüht: Globalisierung, schwaches Wachstum, Produktivitätsfortschritte. So recht überzeugen mögen die Argumente aber nicht.

Dennoch hielten die EZB, aber auch die US-Notenbank und die Bank of Japan, an den alten Erklärungen fest und versuchten den Eindruck zu erwecken, als wüssten sie was sie tun, kritisiert Mayer. Dabei experimentierten sie nur herum und tappten eigentlich im Nebel.

Erfolgreich seien die Notenbanken dagegen im Erzeugen von Vermögenspreisinflation.  „Die Preise für Aktien, Immobilien, aber auch für Kunst oder klassische Autos steigen munter weiter“, sagt Mayer.  Dies störe die Zentralbanken aber nicht, wohlwissend das Preisblasen, wie bereits in der Vergangenheit, platzen können.

Niedriges Pfund tröstet nicht

Tappen im Nebel –  damit lässt sich wohl auch der künftige Kurs der britischen Regierung beschreiben. Nach der dramatischen Wahlniederlage der Labour-Partei geht Premierministerin Theresa May politisch schwer angeschlagen in die am 19. Juni beginnenden Brexit-Verhandlungen mit der EU-Kommission. Das Mandat, dass sie für einen harten Bexit einholen wollte, haben ihr die Bürger des Vereinigten Königreichs jedenfalls nicht erteilt. Fraglich, wie lange May sich noch im Amt halten kann. Einen Wechsel an der Spitze, oder gar Neuwahlen, kann sich das Vereinigte Königreich aber nicht leisten.

Die Zeit läuft. Bis zum 29. März 2019 müssen die Verhandlungen abgeschlossen sein. Kommt bis dahin kein Deal zustande, fallen die Wirtschaftsbeziehungen zwischen  Großbritannien und der EU auf die Regeln der Welthandelsorganisation zurück. Für die exportabhängigen britischen Unternehmen hätte dies dramatische Folgen. Die aktuelle Schwäche des Pfunds, die britische Waren derzeit im Ausland billiger macht, vermag nur vorübergehend zu trösten.

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