Marktbericht: Zu viel Gefühl

Auftakt
16. Oktober 2017

Emotional geprägte Anlageentscheidungen führen an den Aktienmärkten immer wieder zu Übertreibungen. Auch Regierungen und Wähler handeln nicht immer rational. Investoren, die sich dagegen von Vernunft leiten lassen, können von Kurskorrekturen an den Börsen als auch in der Politik profitieren.

Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften wird in diesem Jahr dem an der Chicago  Business School lehrenden Professor Richard Thaler verliehen. Die Königlich-Schwedische Wissenschaftsakademie in Stockholm würdigt die Leistungen des 72 Jährigen auf dem Gebiet der Verhaltensökonomie. Der auch „behavioral economics“ genannte Zweig der Wirtschaftswissenschaften erforscht die psychologischen Faktoren, die hinter wirtschaftlichen und finanziellen Entscheidungen stehen.

Thaler habe gezeigt, dass begrenzte Rationalität, soziale Präferenzen und ein Mangel an Selbstbeherrschung systematisch Entscheidungen und Marktergebnisse beeinflussen, begründet die Jury ihre Wahl. Während die Wirtschaftswissenschaften lange Zeit das Bild des rationalen, rein nutzenmaximierenden Verbrauchers zeichneten, des homo oeconomicus, habe Thaler nachgewiesen, dass sich der Mensch – wie in anderen Lebensbereichen – auch bei wirtschaftlichen Fragen sehr stark von seinen Emotionen leiten lasse und weit weniger rational handelt, als dies lange angenommen wurde.

Tendenz zum fairen Wert

An den Finanzmärkten führt das irrationale Verhalten der Anleger mitunter zu krassen Fehlbewertungen. Der Internethype zu Anfang des Jahrtausends oder die Subprime–Euphorie in den USA sind gute Beispiele für massive  Übertreibungen. Die Korrekturen können schmerzhaft sein und lange dauern.

Allerdings haben Investoren auch die Möglichkeit von Übertreibungen zu profitieren, indem sie sich gegen den Herdentreib stellen und den fairen Wert einer Aktie fest im Blick haben. „Die Kurse von Börsenlieblingen fallen nach einiger Zeit wieder, genauso wie die Kurse von ‚Fallen Angels‘ in der Regel auch wieder steigen“, schreibt Philippe Denef von der Investmentgesellschaft  Degroof Petercam Asset Management in einem Kommentar.

Sentimentale Demokratie

Irrationales Verhalten zeigt sich nicht nur an den Finanzmärkten. Auch politische  Entscheidungen sind immer wieder stark emotional geprägt und können enormen wirtschaftlichen Schaden anrichten. Das zeigt der Loslösungsversuch Kataloniens von Spanien. Die wirtschaftlichen Folgen einer Scheidung wären fatal. Die autonome Republik  beziehungsweise der neue Staat müssten die EU verlassen. Dass dennoch rund zwei Millionen Bürger der 5,4 Millionen Wahlberechtigten am 1. Oktober für die Unabhängigkeit gestimmt haben, erklärt sich unter anderem mit einer Verklärung von Freiheitsrechten, dem Wunsch nach wieder mehr Übersichtlichkeit in einer zunehmend komplexen Welt und der Sehnsucht nach starken Momenten mit Gleichgesinnten. Der spanische Politologe Manuel Arias Maldonado hat dafür den Begriff „sentimentale Demokratie“ geprägt.

Auch das Votum der Briten für den Brexit ist dem wachsenden Bedürfnis nach sentimentaler Demokratie geschuldet. Kühle Abwägung war es sicherlich nicht. Die mit einem Austritt einhergehenden Nachteile zeichnen sich immer deutlicher ab. Zur Umkehr ist man auf der Insel (noch) nicht bereit. Im Gegenteil: Da die Verhandlungen zwischen Großbritannien und Brüssel nicht vorankommen, erwägen britischen Politiker inzwischen die Gemeinschaft auch ohne Deal zu verlassen. UK-Exporte in die EU müssten dann aber verzollt werden, worunter die britische Autoindustrie und die Landwirtschaft massiv leiden würden. Sich für offenkundige Wettbewerbsnachteile und damit einhergehende Wohlstandseinbußen zu entscheiden, ist nicht rational.

Im Gegensatz zu den Finanzmärkten scheint eine Korrektur gefühlsbedingter politischer Entscheidungen ungleich schwerer. Völlig unberechtigt ist die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Vernunft aber nicht. Im Katalonien-Konflikt ist eine gewaltfreie Lösung nicht mehr völlig unwahrscheinlich. Die Wirtschaft kann den dazu notwendigen Druck ausüben. Die Drohung von Unternehmen wie Seat, Produktionsstätten aus Katalonien abzuziehen, scheint Wirkung zu zeigen. Anleger, die die krisenbedingten Kursrückgänge spanischer Staatsanleihen und spanischer Aktien zum Einstieg genutzt haben, profitieren nun. Die Notierungen in Madrid zogen zuletzt wieder an. Möglich, dass man auch in London noch einmal nachdenkt und wieder nach einer tragbaren Exitregelung sucht. Das sollte dann auch in London die Kurse nach oben ziehen.

Übrigens: Auf die Frage was er mit dem Preisgeld von einer Million Dollar machen will, antwortete Nobelpreisträger Thaler scherzend, er wolle es so „unvernünftig wie möglich ausgeben“. In günstig bewertete Substanzaktien wird er dann sicher nicht investieren.

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